Wieder auf Achse!

Eine weitere Nacht konnten wir uns in dem Hostel nicht mehr leisten. 45$ pro Nacht reißen ein großes Loch in die Geldbörse, wobei unser Van noch nicht mal repariert wurde. Es war zwar eine schöne und saubere Zeit, die wir im Hostel über Silvester verbracht haben, doch für uns hieß es dann am Montag, den 02.01.2011, „Check Out“.

So standen wir wieder vor unserem Van, jeder ca. 150$ leichter im Portemonnaie und mit dem Unmut keine second- hand Achse, geschweige denn Arbeit zu finden. Da am Montag die meisten Schrotthändler noch immer geschlossen hatten und somit die Chance auf eine neue Achse auf Null gesunken ist, zog es mich die letzten Stunden des Nachmittags in die Stadt, in der ich das „heiße“ Wetter am Federation Square genoss und auf die letzten Wochen meiner Reise zurück blickte.

Am nächsten Tag war das Glück wieder auf unserer Seite. Nachdem ich meine favorisierten Schrotthändler kontaktiert habe und keiner von diesen mir weiter helfen konnte, brauchte Ilja nur einen Anruf zu tätigen um eine neue Hinterachse ausfündig zu machen. Nichtsdestotrotz erreichten wir den guten Herrn zwei Stunden später und warteten noch eine gute halbe Stunde bis wir endlich die ölige Hinterachse in der Hand halten konnten. Zwar war der veranschlagte Preis von 165$ nicht der Beste, doch die Ungewissheit jederzeit an einem Achsenbruch zu erleiden, verschwand in Nullkommanichts.

Die wilden Fahrtmanöver, die Hannes zu Tage gelegt hat und vergleichbar waren mit der Silverstar Achterbahn im Europa Park, gestalteten die Rückfahrt mit der Achse in der Hand äußerst unangenehm. Nach zwei gefühlten Kniescheibenbrüchen erreichten wir schließlich die Werkstatt in der Nähe von Port Melbourne. Mit knurrenden Magen bestaunten wir den Ein- Ausbau, der durch die Reisemärchen des Werkstattbesitzers begleitet wurde. Dieser war so besessen von seinen Erlebnissen, dass man vergeblich versuchte, ihn auf das eigentliche Thema – unser Auto – zu lenken. Nach einer Stunde waren wir um ein dutzend Frauen-, Krokodils- und Erntegeschichten lehrreicher- wovon 5% brauchbare Informationen waren – und konnten endlich unseren Van mit einer neuen Hinterachse, funktionierender Handbremse und neuer Bremsflüssigkeit entgegen nehmen.

Der Preis dafür: 160$. Schnelles Geld für solch eine „kleine“ Reparatur. Somit beliefen sich die gesamten Kosten auf rund 320$. Deshalb war es nun an der
Zeit, einen Job zu finden, um die Weiterreise zu finanzieren. Da nun die Erntezeit von Trauben in der Nähe von Mildura – ca. 550km nördlich von Melbourne – laut dem Harvest Guide im Januar beginnt, wussten wir, wie unsere Reiseroute auszusehen hat: Mildura wir kommen!

Eineinhalb Tage haben wir für diesen „Trip“ gebraucht und konnten dabei das erstemal Outback- Feeling schnuppern. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag haben wir unser Lager neben einer unansehnlichen Tankstelle aufgeschlagen, die plötzlich gegen 23 Uhr quietschende Geräusche von sich gab. Doch ich habe mich davon nicht beirren lassen – es war letztendlich nur der Wind – und hatte dennoch einen angenehmen Schlaf, der am nächsten Morgen durch einen vorbeifahrenden Güterzug gestört wurde. Mit müden Augen schleppte ich meinen Körper aus dem Van und konnte es nicht fassen, einen Tanklaster an der Tankstelle zu sehen.

Nach dem Zähneputzen schnappte ich mir meinen Becher um in der Tankstelle nach heißem Wasser zu fragen, denn es gibt doch nichts Schöneres als einen leckeren Kaffee in der braunen Wildnis zu trinken. Kaum bin ich an der Tür angelangt, begrüßte ich mich eine ältere Dame. Freundlich teilte ich ihr meine Bitte mit und folgte ihr in den hinteren Raum, wo sie auch schon mit dem Wasserkocher hantierte und mir einige Fragen stellte. Der Smalltalk entwickelte sich soweit, bis ich am Ende mit einem Becher heißem Wasser und einer Liste mit diversen Arbeitsagenturen in Mildura in der Hand bei den Anderen stand. Toastbrot und Marmelade schmückten das weitere Frühstück.

Dann hieß es für uns 80km Fahrt, die an den Traubenplantagen vorbei führte, auf denen aber weit und breit keine Arbeiter zu sehen waren. Ungewissheit zog sich wieder durch den Van, mit der Frage, ob wir den zur richtigen Zeit am richtigen Ort wären. Letztendlich erreichten wir mit ¼ Benzin im Tank Mildura, die Stadt, die ich mir halb so groß vorgestellt hatte. Geschäfte wie Woolworth, Target und SuperCheapAuto ragen ineinander, während der Verkehr schleppend, vergleichbar mit Melbourne verläuft. Eine typische Arbeiterstadt? Nein, das glaubte ich nicht.

Zwar gehörten die Bezirke rund um Mildura zu den saubersten Zonen in Victoria der letzten zwanzig Jahre, was für einen guten Lebensstandard spricht, doch keine Baustellen oder Straßenarbeiten, ja nicht einmal Fruit Picker außerhalb der Stadt waren zu sichten. Diese ernüchternde Erkenntnis wurde durch das Harvest Office von Mildura bestätigt:

„Sorry, guys. You are too early. The grape harvest is starting in two or three weeks. But keep in contact with us. Maybe we’ve got some jobs in the next week.”

Doch diese Sätze wollte ich nicht über mich ergehen lassen. So kontaktierte ich weitere Büros in einem Umkreis von ca. 100km um Mildura, doch die Antwort war auch die selbe.

Wo ist bloß die Leichtigkeit geblieben, einen Fruit- Picking Job zu finden, die mir durch Gleichgesinnte und diverse Reiseberichte versprochen wurde? Die Frage konnte mir keiner beantworten.

Warten und Geld für Essen und einen Campingplatz auszugeben kam für mich nicht in Frage. Deshalb schlug ich zum ersten Mal mein Wwoofing- Buch auf um auf einer Farm gegen Kost und Logis zu arbeiten.
Schnell war ein Bauernhof gefunden und das darauffolgende Telefonat mit dem Farmer verlief positiv. Schon am nächsten Tag könnte er mich von Mildura abholen. Leider haben meine zwei Mitreisenden, Ilja und Hannes, kein solches Buch und somit keine Mitgliedschaft, die ca. 60$ für ein Jahr kostet. Somit ist es ihnen nicht gewährt, mit auf die Farm zu kommen, da die Mitgliedschaft eine gewisse Versicherung enthält.
Schade, da es meiner Meinung nach eine sinnvolle Investition ist, die jeder Backpacker in Australien tätigen sollte um ein bisschen Geld zu sparen – Wwoofing ist weltweit verbreitet und bedeutet „Willing Workers on organic farms“.

Die folgende Nacht haben wir auf einen Campingplatz verbracht.
Am nächsten Morgen wurden die letzten Sachen gewaschen und der Rucksack gepackt, denn um 16 Uhr holte mich der Farmer mit seiner Frau am Informationscenter von Mildura ab.
So ging es für mich knapp 60km in Richtung Norden, über die Grenze nach New South Wales.
Als wir die Farm erreichten, fiel mir sofort der Campervan auf, in dem ich die nächste Woche verbringen werde. Der erste Blick in den Van ließ das Herz eines Backpackers höher schlagen. Schränke, eine eigene Küche, einen Fernseher und eine Couch waren nur die ersten Highlights. Weiter durch fanden sich noch Doppelbett und eine Klimaanlage wieder. Nach 1 ½ Monaten –abgesehen von den drei Tagen im Hostel – ist das doch mal wieder eine willkommende Abwechslung.

„Niclas, du hast alles richtig gemacht!“ Doch es kommt noch besser.

Ich bekomme drei Mahlzeiten am Tag, die bis jetzt immer großzügig ausgefallen sind und von Müsli, über Pasta bis hin zu Würstchen, Hähnchen und Salat reichten –satt essen ist wieder angesagt. Zwischen den Mahlzeiten gibt es dann noch einen bis zwei Käsesnacks, gefolgt von einer Tasse Kaffee. Das Abendessen wird meistens mit Wein oder einem Bier serviert. Gestern gab es sogar vor dem Abendessen zwei Gläser Champagner

Als Gegenleistung helfe ich für 4-6 Stunden am Tag auf dem Feld mit. Da ich mich auf einer biologischen Farm befinde, belaufen sich die Arbeiten von Unkraut jäten und Samen säen bis hin zur Bewässerung der Pflanzen – Aufgaben, die keine eine große Anstrengung benötigen.

Den Rest des Tages habe ich frei und kann diese Zeit so gestalten, wie ich es möchte, ohne mich an jemanden zu binden. Bei einem leckeren Kaffee, sitze ich meistens auf der unterdachten Veranda, lese ein Buch und schreibe meine Artikel über meine Reise, während mich in unregelmäßigen Abständen ein Regenschauer besuchen kommt.
Würde sich jetzt noch mein Kontostand erhöhen und mein eigenes Auto vor der Tür stehen, wären alle Sorgen vergessen.

Der weitere Plan sieht so aus, dass ich die nächste Woche auf dem Hof verbringen werde und die Arbeitslage in Mildura betrachte. Sobald die Erntezeit beginnt, werde ich mich wieder dorthin begeben.

Bis jetzt aber fühle ich mich hier sehr gut aufgehoben. Zwar habe ich dem Farmer schon einige Kopfschmerzen bereitet – Tüten sind nach dem Abfüllen gerissen und Samen wurden an der falschen Position gesät. Nach dem ersten Arbeitstag bin ich sogar auf seinem Sessel eingeschlafen, worüber sich seine Frau und er am Abend lustig gemacht haben, doch im Großen und Ganzen genieße ich die Zeit auf der Farm.


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